Es gibt Daten, die sich unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis einprägen. Der 24. Februar 2022 ist ein solcher Tag. Mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine begann eine sicherheitspolitische Zäsur, deren Auswirkungen bis heute spürbar sind – politisch, gesellschaftlich und wirtschaftlich.
Vier Jahre später, am gestrigen 24. Februar, hat Hamburg Aviation erstmals eine Veranstaltung zum Thema Defence durchgeführt. Dass dieser Termin auf den Jahrestag des Angriffs fiel, war Zufall. Dass sich für viele Unternehmen seit jenem Tag Rahmenbedingungen, Märkte und strategische Prioritäten grundlegend verändert haben, war im Workshop jedoch deutlich zu spüren. Für manche ist das Thema neu, für andere eine Erweiterung bestehender Aktivitäten – für alle aber ist es mit Verantwortung und sorgfältiger Abwägung verbunden.
„Verteidigungsprojekte für KMU: Wege, Regeln, Erfahrungen“ brachte Unternehmen und Expertinnen und Experten zusammen, um Orientierung zu geben, Wissen zu bündeln und Erfahrungen offen zu teilen. In vier Impulsvorträgen lieferten erfahrene Akteure praxisnahe Einblicke, rechtliche Einordnungen und persönliche Erfahrungsberichte. Ziel war es, Transparenz zu schaffen, Unsicherheiten abzubauen und einen realistischen Blick auf Chancen und Herausforderungen zu ermöglichen.
Expertise teilen, gemeinsam profitieren
Dr. Robert Glawe, Rechtsanwalt bei PwC Legal, zeichnete ein präzises Bild der Hürden und Anforderungen beim Eintritt in die Branche. Preisrecht, Geheimschutz, Vergabeverfahren – der regulatorische Rahmen ist komplex und verlangt minutiöse Vorbereitung. Unternehmen müssen strenge formale Voraussetzungen erfüllen und zugleich eine tragfähige Preiskalkulation entwickeln, die wirtschaftlich sinnvoll ist. Sein Beitrag machte deutlich: Der Markteintritt ist anspruchsvoll, aber mit systematischer Vorbereitung und fachkundiger Begleitung machbar.
Im anschließenden Gespräch mit Ralf Gust berichtete Alkiviadis Thomas von Althom aus der Praxis. Er schilderte offen die zahlreichen Anstrengungen, die das Unternehmen unternommen hat, um sich neben der zivilen Luftfahrt erfolgreich ein zweites Standbein im Defence-Bereich aufzubauen. Prozesse mussten angepasst, Strukturen überprüft, Kompetenzen erweitert werden. Sein Fazit: Es braucht einen langen Atem und die Bereitschaft zu internen Veränderungsprozessen. Gleichzeitig machte er anderen Mut: „Man kann das alles schaffen.“ Ein Erfahrungsbericht, der zeigte, wie wichtig Durchhaltevermögen, Lernbereitschaft und strategische Klarheit sind.
Mike Breuninger und Marco Corbella von ITT berichteten über eine typische „Journey“ aus der Praxis. Ein ursprünglich für zivile Anwendungen entwickeltes Produkt wurde durch intensiven Austausch mit Kunden und Partnern erfolgreich für die Rüstungsindustrie adaptiert. Besonders deutlich wurde dabei die Bedeutung enger Abstimmung, technischer Anpassungsfähigkeit und regulatorischer Expertise. Auch Themen wie ITAR-Genehmigungen – zentral für international verflochtene Unternehmen der deutschen Luftfahrtbranche – wurden adressiert. Ihr Beitrag zeigte, wie Wissenstransfer zwischen zivilen und militärischen Anwendungen gelingen kann und welche Rolle internationale Regularien im Alltag spielen.
Stefan Ullmann, Oberstleutnant i.G. an der Führungsakademie der Bundeswehr, gab einen strukturierten Überblick darüber, wie die Bundeswehr ihre Bedarfe ermittelt und wie Vergabeverfahren aufgebaut sind. Er erläuterte Entscheidungswege, Zuständigkeiten und aktuelle Reformen. Besonders relevant für die Teilnehmenden: konkrete Hinweise, wie Unternehmen ihre Innovationen den richtigen Ansprechpartnern präsentieren können. Zugleich betonte er, dass die Bundeswehr ihre Verfahren in den vergangenen Jahren deutlich verschlankt und beschleunigt hat – ein Signal für mehr Zugänglichkeit und Dialogbereitschaft.
Workshop: Bedarfe und herausforderungen erkennen
In der anschließenden Workshop-Phase waren vor allem die Teilnehmenden gefragt. Unter der Leitung von Alexandra Morgenroth sammelten wir systematisch Bedarfe, Fragen und Erwartungen: Welche Unterstützung benötigen Unternehmen konkret? Wo bestehen Informationslücken? Welche Formate sind sinnvoll – Fachworkshops, vertrauliche Austauschformate, gezielte Vernetzungsangebote? Die rege und konstruktive Beteiligung zeigte deutlich, wie groß der Bedarf an Orientierung, Austausch und vertrauensvollem Dialog ist. Die Ergebnisse liefern Hamburg Aviation nun eine belastbare Grundlage, um passgenaue Unterstützungsangebote zu entwickeln und den Wissenstransfer im Cluster weiter zu stärken.
Nach dem erfolgreichen 9. Norddeutschen Luftfahrtforum, das Defence ebenfalls als Schwerpunktthema gesetzt hatte, war dieser Workshop ein weiterer wichtiger Schritt. Hamburg Aviation hat im intensiven Austausch mit seinen Mitgliedern neue Einblicke gewonnen – und zugleich den eigenen Auftrag bestätigt: Plattform zu sein für Dialog, Transparenz und Vernetzung in Zeiten des Wandels.






