Ingo Wuggetzer

Vice President Cabin Marketing, Airbus

Ingo Wuggetzer: Glückliche Kunden über den Wolken

Hamburg Aviation Serie "Standortpiloten" - Folge 6

Gerade haben die Fluggäste das Abendessen beendet, da erwartet sie ein spektakulärer Sonnenuntergang über den Wolken. Selbst auf den Mittelsitzen kann man ihn genießen: Sie lassen sich flexibel in die gewünschte Richtung drehen, und dank der bionische Rumpfstruktur kann die Crew die restliche Kabinendecke auf transparente Durchsicht stellen. Der Fluggast lehnt sich nun wohlig in seinen Sitz zurück, der sich seiner Körperform automatisch anpasst, und schaut nach oben in den aufziehenden Sternenhimmel. Wer noch nicht schlafen möchte, geht in den mittleren Kabinenbereich für einen Drink an der Bar, oder eine Partie Golf im Virtual-Reality-Raum. Was man halt so macht, in 10.000 Metern Höhe, als Fluggast im Jahre 2050.

Wie sieht die Flugzeugkabine der Zukunft aus?

Zumindest wenn es nach Ingo Wuggetzer geht. Er ist bei Airbus dafür zuständig, um - plakativ gesagt - herauszufinden, wie die Flugzeugkabine der Zukunft aussehen wird. Die angesprochene "Future Cabin" ist Teil einer Airbus-Konzeptstudie, die Wuggetzer mit seinem Team entwickelt hat. Auf dem Youtube-Kanal von Airbus gehört der dazugehörige Film zu den am meisten geklickten Inhalten überhaupt. Auch der kreative Kopf dahinter sagt: "Das war eines der spannendsten Projekte, die wir bisher gemacht haben. Dauernd sprechen mich auch Airlines darauf an."

Wie sehr die Realität im Jahre 2050 tatsächlich der Kabinenstudie entsprechen wird, muss sich natürlich zeigen. Doch der Vice President Cabin Marketing, so Wuggetzers offizieller Titel, hat schon mal im ersten Schritt die komplette Bürowand mit einem Abbild seiner "Future Cabin" tapeziert. So jemand meint es ernst!

Standortpiloten

  • Folge 006
Ingo Wuggetzer - cc-by Airbus
Ingo Wuggetzer
Vice President Cabin Marketing
Airbus
The Future by Airbus - Concept plane cabin

Airbus invites the passengers of 2050 to discover its Concept Cabin - a whole new flying experience inspired by nature. Charles Champion, Airbus Executive Vice President Engineering, says: "Our research shows that passengers of 2050 will expect a seamless travel experience while also caring for the environment. The Airbus Concept Cabin is designed with that in mind, and shows that the journey can be as much a voyage of discovery as the destination. Whichever flight experience is chosen, the passenger of 2050 will step out of the Airbus Concept Cabin feeling revitalised and enriched."

Kühne Visionen ernst zu nehmen und weiter zu verfolgen -  gerade in Wuggetzers Position ist dies besonders wichtig. Er muss mit einer Lösung immer gleich zwei anspruchsvolle Kundengruppen zufriedenstellen: die Passagiere, die in der Kabine Wert auf besonderen Komfort und Service legen, und die Airlines, die in erster Linie auf einen kostengünstigen und effizient durchführbaren Betrieb achten.

Dafür pendelt Wuggetzer, der auch federführend in der Entwicklung der A350-Kabine war, mehrmals wöchentlich zwischen Finkenwerder und Toulouse. In Frankreich trifft er sich mit Airline-Kunden und hört sich deren Wünsche an, in Hamburg sind die Markt- und Trendforschung, sowie die Testinfrastrukturen beheimatet. Hier hört man vor allem den Passagieren zu und probiert neue Konzepte im "Rapid Architecture Lab" aus, oft auch gemeinsam mit den Kunden. "Die Marktforschung der Airlines konzentriert sich sehr stark auf die Services an Bord", meint Wuggetzer. "Als Flugzeughersteller gehen wir meist noch eine Ebene weiter und schauen uns die ganzheitliche Kabinenkonfiguration an, oder analysieren weltweite Gepäckströme. Dieses kombiniert mit den Forschungen der Airline ergibt dann ein schlüssiges Gesamtbild."

80 Prozent aller Passagiere weltweit sitzen in der Economy Class

Wer glaubt, hierbei stünde vor allem die zahlungskräftige Klientel aus den ersten Sitzreihen im Fokus, irrt. "Mehr als 80 Prozent der weltweiten Passagiere fliegen Economy Class - das ist also der mit Abstand wichtigste Markt", sagt Wuggetzer. Für das Wohlbefinden an Bord hat die Forschung ebenfalls einige wesentliche Faktoren benennen können. Am allerwichtigsten: Der Sitz. "Da ich als Passagier mit dem Sitz am meisten Kontakt habe, ist das Ergebnis sicher nicht ganz überraschend", meint Wuggetzer. "Was wir aber nicht erwartet hatten, ist dass die Sitzbreite einen höheren Einfluss auf Komfort und Privatsphäre hat, als der Sitzabstand. In der Vergangenheit haben sich alle Economy-Produkte immer nur über den Sitzabstand definiert."

Airbus' Strategie ist es seitdem, die Sitzbreite in den Vordergrund zu stellen. In der Standard-Economy-Ausführung liegt diese in allen Flugzeugmustern bei 18 Zoll und damit mehr als zwei Zentimeter über der Standard-Sitzbreite des Konkurrenten Boeing. Um zu zeigen, dass es sich dabei mitnichten um "läppische zwei Zentimeter" handelt, bringt Wuggetzers Team mittlerweile zu jedem Messeauftritt einen Demonstrator mit, wo man sich nacheinander in beide Sitzbreiten bequemen kann - mit durchschlagendem Erfolg, wie der Kabinen-Mann betont. Auch für den Betreiber, die andere Kundengruppe, zahle sich die Sitzbreite aus: ein Mangel an Breite müsse immer mit einem Mehr an Abstand ausgeglichen werden, wodurch sich die maximale Bestuhlung reduziere.

"Licht kann den Jetlag mindern."

Weitere große Themen in der Kabine seien Licht und Konnektivität. "Das Licht hat einen großen Einfluss auf Raumgefühl und Komfort. Gezielte Lichtsteuerung in den verschiedenen Flugphasen mindert zum Beispiel den Jetlag, lässt das Essen appetitlicher aussehen und beeinflusst die Markenwahrnehmung meiner Airline. Hier wird sich in den nächsten Jahren sehr viel tun", sagt Wuggetzer. Etwas länger habe es wider Erwarten im Bereich Konnektivität, sprich dem Surfen über den Wolken gedauert. Mittlerweile stiegen die Nutzerzahlen jedoch massiv an. "Jeder Passagier möchte heute online sein, am Boden wie an der Luft. Die Frage, die sich den Airlines stellt, ist aber, wie ich aus diesem Bedarf neue Geschäftsmodelle und smarte Lösungen entwickle. Hier ist noch viel Potenzial", meint Wuggetzer.

Erste Versuche, Internet an Bord zu etablieren, bekam er bereits Anfang der Nullerjahre an anderer Stelle mit: Vor seinem Wechsel zu Airbus verantwortete der Ingenieur und Betriebswirt das Bordprodukt der Lufthansa, insbesondere die Business Class. Sowohl auf Airline- als auch auf Herstellerseite hat er mittlerweile 10 Jahre Berufserfahrung. "Was zum Anfang meiner Lufthansa-Zeiten die Business Class war, zählt heute als Premium Economy", erinnert sich Wuggetzer. "Die Kabinen sehen heute deutlich besser aus als vor 20 Jahren. Früher war die Kabine ein technischer Raum, heute ist sie eine designte Umgebung."

Text: Lukas Kirchner / Bilder: Airbus

Galerie Airbus Future Cabin

"Den Job, den ich heute mache, wollte ich schon von Anfang an machen."

Eine Entwicklung, die ihm sehr gefällt. "Den Job, den ich heute mache, wollte ich schon von Anfang an machen", verrät Wuggetzer, der ursprünglich auch mit einer Architektenkarriere geliebäugelt hatte. "Die Kombination von technischen, wirtschaftlichen und ästhetischen Elementen, die nicht nur einwandfrei funktionieren müssen, sondern gleichzeitig auch den zahlenden Fluggast emotional ansprechen - das hat mich schon immer begeistert! Denn Menschen zufriedenzustellen ist eine weit größere Herausforderung, als nur eine Maschine zum Laufen zu bringen."

Eingeimpft wurde ihm das "Luftfahrt-Gen" bereits in früher Kindheit: Wuggetzers Großvater arbeitete bei Dornier vor den Toren Münchens und nahm den Enkel zu seiner Arbeitsstätte mit. Dieser kam später als Praktikant und dann als Diplomand zurück. Zu BMW oder Audi zog es ihn trotz der Nähe nie. "Fliegen hat einfach einen Freiheitsgrad mehr als Auto fahren! Zu fliegen war schon immer ein besonderes Gefühl, das einen mitzieht. Das sehen Sie auch heute noch bei kleinen Kindern, die zum ersten Mal ein Flugzeug sehen oder mitfliegen - das Glitzern in den Augen, das hatte ich auch!"

Heute fliegt Wuggetzer mehrmals wöchentlich und meint, das sei für ihn "ganz schwierig": "Denn ich sehe so einen Flug ja immer mit anderen Augen und bemerke sofort Dinge, die man noch optimieren könnte." Der Wunsch nach einem möglichst optimalem Bordprodukt ist auch ein Grund, warum sich der Airbus-Manager trotz vollem Kalender und zwei Büros in zwei Ländern nebenher noch leidenschaftlich im Führungsgremium des Branchenverbands APEX sowie seit vielen Jahren in der Jury des von Hamburg Aviation initiierten Crystal Cabin Award engagiert. Ein weiterer Grund: auch die kindliche Begeisterung für das Fach ist noch nicht verlorengegangen - ein Blick an die Bürotapete ist Beweis genug.