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Bildende Kunst und Maschinenbau

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12.09.2017Standortpiloten

Hamburg Aviation Serie "Standortpiloten" - Folge 13: Birte Jürgensen, Industriedesignerin, Ingenieurin und Geschäftsführerin von zweigrad

Birte Jürgensen steht in der Werkstatt ihres Designstudios zweigrad in einem Hamburger Hinterhof und zeigt auf einen Feuermelder. "Die Kollegen haben den dann so programmiert, dass er "Jingle Bells" abspielen kann", erzählt sie lachend. Die Industriedesigner von zweigrad leben ihre Ideen nicht nur in Projekten für Branchen wie die Luftfahrt, Medizintechnik und Schienenverkehr aus. Freiheiten wie diese gönnen sich die 50-jährige und ihr neunköpfiges Team unter anderem beim traditionellen Kreativwettbewerb zur Weihnachtsfeier. "Einmal im Jahr bekommt dazu jeder den Freiraum, ein Projekt seiner Wahl in der Werkstatt zu realisieren. Dabei ist es ganz egal, was es ist. Hauptsache, die Kollegen können mal so richtig aus der Box heraus denken."

Bei aller Kreativität ist es Birte Jürgensen aber wichtig, sich von künstlerisch ausgerichteten Designbüros abzuheben. "Das fängt schon beim Namen an", erklärt die Geschäftsführerin, die in der Nähe von Bremen aufgewachsen ist. "2 Grad entsprechen der typischen Entformungsschräge, in der fast alle Kunststoffspritzgussteile entformt werden. Es ist keine Temperatur. Das spricht für unsere DNA, ein Büro für technisches Industriedesign zu sein".

Von Maschinenbau zu Design

Dabei begann Jürgensen ursprünglich noch als Studentin der Bildenden Kunst an der renommierten Kunstakademie in Düsseldorf. Hier fehlte ihr jedoch schnell das lösungsorientierte Denken. Gerade, weil ihr Mathematik und Naturwissenschaften immer ebenso viel Freude bereitet haben wie die Malerei. Jürgensen wählte den konsequenten Cut und sattelte auf Maschinenbau an der TU Hamburg-Harburg um. Hier ergänzte sie die damals gerade mal fünf Frauen im Studiengang. Trotz großen Interesses für das Gebiet verstummte der Wunsch nach Gestaltung nie. Die perfekte Verbindung von Technik und Design fand Jürgensen nach ihrem Diplom im anschließenden Studium für technisches Industriedesign an der Muthesius Hochschule Kiel. Das Studium finanzierte sie sich bereits als freie Ingenieurin mit Projekten für Industrie und Hochschulen. In Kiel lernte sie auch ihren heutigen Geschäftspartner Timo Wietzke kennen.

Ideen zulassen, Innovationen vorantreiben

2002 hat Jürgensen mit zweigrad ihr eigenes Designbüro gegründet. Der Einstieg von Timo Wietzke 2009 ermöglichte eine Verteilung der Aufgaben. So führt Wietzke heute das operative Geschäft, während Jürgensen die strategische Entwicklung des Unternehmens verantwortet. Bei zweigrad hat sie ihre Expertise und auch die Arbeitsprozesse aus der Zeit als Ingenieurin eingebracht. "Unsere Arbeitsschritte sind ebenso strukturiert und methodisch wie in der Konstruktionstechnik." In der Ideenfindung müsse man aber unbedingt die offenen, kreativen Momente mit hineinholen, betont sie. Hierzu wurde das "Vision Panel" eingeführt, ein Geschäftsbereich, in dem Trends beobachtet und gezielt Innovationen in Workshops und Designstudien vorangetrieben werden. Industrie 4.0, Mobilität und Nachhaltigkeit, das sind nur einige Themen, denen sich die Designer hier stellen. Für eine Luftfahrt-Konzeptstudie aus dem Panel, das "Media Window", welches gleichzeitig Panoramafenster und Kinoleinwand an Bord darstellt, gab es 2015 die Shortlistplatzierung für den Crystal Cabin Award. Auch der "Ideation Booster", eine Workshopmethodik, bei der gemeinsam mit dem Kunden Ideen gefunden werden, gehört zum Angebot von zweigrad. Kreativitätstechniken helfen den externen Teams, die oft aus einem technischen Arbeitsumfeld kommen und Verantwortung für die Produkte tragen, einfach mal querzudenken.

Birte Jürgensen nutzt auf der Suche nach neuen Ideen regelmäßig den Austausch mit ihren Kontakten. Auf dem Hamburg Aviation Barcamp brainstormt sie zu Kabinenkomfort, beim Hamburg Aviation Forum diskutiert sie zu Paketrobotern. Insgesamt profitiere sie sehr von dem Input aus dem Netzwerk, so Jürgensen, da sie hier mit den verschiedensten Standpunkten zum Thema Design konfrontiert werde.

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Neue Technologien erweitern den Designhorizont

Virtual Reality (VR) zählt gewiss zu den spannendsten Trends, nicht nur im Design. Zur Präsentation von Konzepten nutzt zweigrad bereits seit längerem diese Technologie. So hat das Team eine virtuelle Business-Jet-Kabine geschaffen, in der man mit VR-Brille in der Kabine umhergehen und Funktionen testen kann. Auf der Aircraft Interiors Expo 2017 haben sie die VR-Kabine erstmals vorgestellt. "Da gab es dann dieses Schlüsselerlebnis, dass wir Kunden die Kabine mit Datenbrille gezeigt haben und einer bemerkte, dass er unser Konzept mit den seitlich aufgehängten Sitzen vor drei Jahren ehrlich gesagt noch etwas unsinnig gefunden hätte. Nun, wo er "live" durchschreite, fände er den Ansatz aber richtig toll", freut sich Jürgensen. Sie ist davon überzeugt, das VR immer mehr Bestandteil des Designprozesses werde, da man die aufwendige Modellproduktion reduziere. Auch lägen die Daten zur Übertragung in die VR-Software ohnehin vor, sobald die Entwurfserstellung am Rechner beginne.

Virtual Reality ist Birte Jürgensen bereits vor knapp 20 Jahren bei Volkswagen begegnet - wenn die Rechnerleistung hierfür damals auch noch ganze Räume einnahm. Bei VW gestaltete Jürgensen Produkte rund um das Fahrzeug: Von Produktionsmitteln, über VR-Eingabegeräte für die Entwicklung, bis hin zu Accessoires. Sie habe dabei "unglaublich viel gelernt, weil wir alle zusammen in einem Studio saßen: Produktdesigner, Interior- und Exterior-Designer,alle für das Produkt Auto".

Luftfahrt, von Anfang an

Die Kontakte zur Luftfahrt hat zweigrad seit Anbeginn ausbauen können, gerade im Bereich Inflight Entertainment. Die Erwartungen der Nutzer hätten sich in kürzester Zeit rapide geändert, so Jürgensen, es gehe längst nicht mehr darum, wie ein Knopf drehbar sein muss. Jeder bedient mittlerweile selbstverständlich Touchscreens, Anwendungen müssen schnell und intuitiv gefunden werden und dürfen sich nicht hinter komplizierten Strukturen verstecken. Deshalb sind UX- (User Experience) und UI- (User Interface) Designer, die genau hierfür ihre Expertise besitzen, seit mehreren Jahren fester Bestandteil des Teams. zweigrad gestaltet Hardware und Software für IFE Lösungen. Für Lufthansa Technik zum Beispiel, Kunde der ersten Stunde, designte zweigrad die grafische Benutzeroberfläche und das Gerätedesign des Wireless System Control für das IFE-System "nice".

Auch wenn die Design-Rahmenbedingungen in der Luftfahrt im Vergleich zu Consumer-Produkten relativ hart seien, mache dies die Arbeit viel spannender, sagt Jürgensen. Dabei würden sich die Entscheider in der Luftfahrt auch zunehmend offen gegenüber Design zeigen. "Es ist mittlerweile eine andere Generation dran", glaubt Jürgensen. Diesen Wandel erlebt die Geschäftsführerin auch in anderen Branchen. Für das Design eines Schleifzugs von Vossloh Rail Services hat zweigrad aus dem gestalterisch doch recht eingeschränkten Schienenfahrzeug "das maximal Innovative herausgeholt", erinnert sie sich. Dafür gab es 2015 den "IF Design Award" und eine Nominierung für den "German Design Award".

Die Schönheit des Verstehens

Birte Jürgensen selbst mag Design aus den 70er Jahren. Verner Panton zum Beispiel, dessen Möbeldesigns und Raumkonzepte die gewohnte Nutzung auch mal komplett in Frage gestellt und eine viel individuellere und vielseitigere Anwendung zugelassen hätten. Nicht umsonst arbeite zweigrad unter dem Motto "the beauty of understanding": Ein Produkt begeistert dann, wenn es neben seiner Funktion auch emotional überzeugt - weil es auf Anhieb intuitiv verstanden wird, so Jürgensen. Eine spannende Herausforderung, der man sich gerade in Designs für die Luftfahrt hervorragend stellen könne, freut sich die Ingenieurin und Industriedesignerin.

Autorin: Julia Grosser/Hamburg Aviation

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