Metropolregion Hamburg

"Auch wir tragen unser (Wind)rädchen zur Luftfahrt bei!“

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05.03.2018Standortpiloten

Jörg Spitzner, Geschäftsführer von Spitzner Engineers im "Standortpiloten"-Portrait.

Der 29. Dezember 2015. Dieses Datum steht auf einer an der Decke klebenden Zettel in den Büroräumen von Spitzner Engineers am Hein-Saß-Stieg. "An dieser Stelle ist der Sektkorken an die Decke geknallt, als wir die erste Überweisung unseres Investors erhalten haben", begründet Jörg  Spitzner die ungewöhnliche Plakatierungswahl stolz. "Meine Frau und ich saßen damals mit dem Investor am Tisch, als die Bank anrief und den Zahlungseingang bestätigte. Wenn man ohne Kapital ein Familienunternehmen aufbaut, kennt man genauso die Momente, wo man gemeinsam am Tisch sitzt und überlegt, ob man sein Haus verkauft. Insofern war dieser Deal ein echter Meilenstein für uns", erinnert sich der 60-Jährige. Investiert wurde damals in das Patent für ein aerodynamisches Rotorblatt, dass sich mittlerweile in vier Windparks in Deutschland und diversen Anlagen in Asien im Wind dreht. Auch das Ingenieurbüro Spitzner Engineers in Finkenwerder dreht sich seitdem munter weiter - mittlerweile führt der Firmenchef knapp 20 Mitarbeiter und hat neben Spitzner Engineers noch die Tochter-Unternehmen "Best Blades", "ADIOS" und, ganz frisch, "clean energy one" aufgebaut.

Der Mensch hinter der Innovation

Das Ingenieurbüro Spitzner Engineers ist die Basis, in der gemeinsam mit Unternehmen und Hochschulen in der Metropolregion Ideen entwickelt werden. Dass das Mutterunternehmen "Engineers" und nicht "Engineering" im Namen trägt, ist dem gebürtigen Hamburger besonders wichtig, schließlich stünden die Ingenieure, die Menschen und ihre Fähigkeiten am Anfang aller Innovation. Das Unternehmen Best Blades wurde dank seines Kernprodukts, der aerodynamischen Rotorblätter, erfolgreich ausgegründet. Spitzner selbst hält hier nur noch wenige Anteile. Hinter dem "Anti- and De-Ice Operating System", kurz ADIOS, steckt ein weltweit einmaliges Patent zur Enteisung für Rotorblätter, welches aktuell in Windparks in Kanada getestet wird. Für seine Mitarbeiter vor Ort mussten extra Straßen in die verschneite Wildnis geschlagen werden. Die Kollegen schicken ihm regelmäßig Handyvideos von der abenteuerlichen Anfahrt ins verschneite Greenwich, unterlegt mit Musik von AC/DC, einer Lieblingsband von Spitzner.

Windkraft liegt nahe

Doch was haben Rotorblätter in Kanada eigentlich mit dem Luftfahrtstandort Hamburg zu tun? Die Antwort: Sehr viel! Denn ohne Spitzners jahrelange  Erfahrung in der Luftfahrt wären seine Innovationen zur Gewinnung erneuerbarer Energien undenkbar gewesen. "Als Luftfahrtingenieur hat man immer gute Kenntnisse über Aerodynamik und das Rotorblatt ist das aerodynamische Herzstück einer Windenergieanlage", setzt er fort. "Je besser das Rotorblatt, umso mehr Wind kann man ernten. Wenn man also etwas von Strukturauslegung und Flügelkonstruktion versteht, liegt auch Windkraft nahe."

Das patentierte "Best Blade"-Rotorblatt sieht dann auch tatsächlich etwas aus wie ein Flugzeugflügel. Neben verbesserter Aerodynamik liegt der Clou in der sogenannten Grenzschichtbeeinflussung: Das Blatt hat eine bestimmte Lochung an der Wurzel, die wie ein Staubsauger Luft an der Oberfläche ansaugt, durch das Rotorblattinnere führt und am Ende wieder entlässt. Durch die innovative Wurzel und ein Winglet am Ende des Blatts werden Wirbelschleppen reduziert und Strömung größtmöglich abgefangen.  "Winglets können wir - also findet sich am Rotorblatt natürlich eins", erklärt Spitzner. Die Grenzschichtbeeinflussung durch spezielle Bohrungen in der Oberfläche von Strukturbauteilen wurden bereits Ende der 90er am Seitenleitwerk eines A320 getestet, das Prinzip "Flügelheizung" der Boeing 787 war Vorbild für die Rotorblattenteisung.

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Gelebtes Cross-Clustering

Auch heute ist die Luftfahrt weiterhin ein Kerngeschäft des mittelständischen Unternehmens, an dem alle fünf Kinder Spitzners Anteile halten. Spitzner Senior, selbst Entwicklungsingenieur, war 20 Jahre bei Airbus beschäftigt, bevor er sich 2007 selbstständig machte. Er hatte Lust auf Abwechslung und neue Herausforderungen, sagt er über diesen mutigen Schritt. Spitzner Engineers genießt heute den Direktlieferanten-Status bei Airbus und arbeitet unter anderem mit dem CTC Stade im Bereich Composite und Strukturauslegung  zusammen. Ein Großteil seiner Kunden sitzt im ZAL, in dem Spitzner Engineers ebenfalls Räume angemietet hat. "Unsere Klima-Ideen zurück in  die Luftfahrt zu bringen, trifft hier auf offene Ohren, zum Beispiel beim wachsenden Forschungsthema Elektrisches Fliegen", freut sich Spitzner.

"Gelebtes Cross-Clustering" nennt Spitzner den Sprung zwischen den Branchen, und profitiert von der Zusammenarbeit mit mehreren Netzwerken am Standort. Vom Erneuerbare Energien Cluster gab es 2013 den German Renewable Award "Projekt des Jahres" für das neuartige Rotorblatt. Über das Luftfahrtnetzwerk Hamburg Aviation  hat er die Designagentur zweigrad kennengelernt, mit denen er aktuell im Bereich Energy Harvesting zusammenarbeitet.

Den privaten Ausgleich zu Wind und Luftfahrt findet der Nachfahre von  Seeleuten auf dem Wasser. Der siebenfache Großvater liebt Elbe und Ostsee und ist leidenschaftlicher Segler, seiner Frau zuliebe nun aber auf das Motorboot umgestiegen. Für den ökologischen Fußabdruck sei dieses Hobby trotz Biokraftstoffen natürlich nicht ideal, beteuert Spitzner und hat auch hier bereits Ideen. So gäbe es schon längst Ansätze zur Gewinnung von Kraftstoff aus CO2 und Wasser. In diesem Fahrwasser wolle sich Spitzner, so viel sei verraten, mit seinem Unternehmen clean energy one widmen und sucht aktuell Investoren.

Damit vielleicht bald noch ein paar Zettel mehr an die Decke im Hein-Saß-Stieg gehängt werden können.

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