Metropolregion Hamburg

Nils Stoll: "Ein Märchen, das es eigentlich gar nicht mehr gibt"

Bootstrap Slider
16.01.2017Standortpiloten

Hamburg Aviation Serie "Standortpiloten" - Folge 10: Nils Stoll, Geschäftsführer Krüger Aviation

Grüne Servietten, grüne Tischdekoration, sogar Nils Stoll selbst trägt an diesem Tag eine Krawatte in passender Farbe. Das Apfelgrün des Logos von Krüger Aviation in Barsbüttel ist mehr als ein reiner Unternehmensanstrich, das wird schnell klar im Gespräch mit dem Geschäftsführer. Es ist Teil der neuen Identität des Familienunternehmens, das Stoll seit 2014 gemeinsam mit den Enkeln des Firmengründers Arthur Krüger leitet. Beim Gang durch die Werkshallen schwingt bei dem jungen Chef die Begeisterung für die Entwicklung des Unternehmens bei jedem Schritt mit. Nicht weniger dynamisch: Die Selfmade-Story des 37-Jährigen vom Mechaniker ohne Studium zum Chef eines Weltmarktführers.

Pionier der Kunststoffverarbeitung

Krüger, das verbinden Branchenkenner vor allem mit Kunststoff. Das 1920 gegründete Stammunternehmen gilt als Pionier der Kunststoffverarbeitung und zählt zu den Schwergewichten des Segments. Seit 2016 konzentriert sich die Tochterfirma Krüger Aviation nun voll auf das Thema Luftfahrt. Das Ziel: Den renommierten Namen Krüger auch bei Flugzeugkabinen weltweit zu einem Begriff zu machen. Die heutigen Kunden reichen von Systemlieferanten wie Diehl und Zodiac, über OEMs wie Airbus bis zu Airlines wie Lufthansa. Zum Portfolio gehört auch die Spiegelfertigung, wo Krüger Aviation inzwischen die Nummer 1 in der Welt ist: 60 Prozent aller in der Flugzeugkabine verbauten Spiegel stammen aus Barsbüttel. "Manchmal muss man hier schon echt innehalten weil es sich anfühlt wie ein Märchen, das es eigentlich gar nicht mehr gibt", sinniert Stoll bei der Rekapitulation der Entwicklung des kleinen Unternehmens.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

In der Tat sind auch die letzten acht Jahre Berufsweg des jungen Geschäftsführers wahrlich märchenhaft. Ursprünglich spezialisierte sich der gelernte Fluggerätemechaniker bei Lufthansa Technik auf Rettungs- und Sicherheitssysteme. Eher spontan realisierte er eines Tages in Eigenregie einen Messestand für die Hamburger Airport Days - und fiel dort einem hochrangigen Lufthansa Technik-Manager auf. Eins kam zum anderen und er erhielt das Angebot, für LHT den Aufbau des Arbeitsbereichs Vermarktung für die Überholung von Kabinenfenstern auf den Philippinen zu koordinieren. Für die Bewerbung hatte Stoll damals genau ein Wochenende Zeit - und entwickelte den abgeforderten Businessplan kurzerhand mit Hilfe seiner Schwiegermutter, die in Asien Filialen der Deutschen Bank bei der Eröffnung begleitet hatte. Nils Stoll bekam den Job und reiste fortan um die ganze Welt - "bis auf Grönland habe ich wohl alles gesehen". Zu den Kabinenfenstern kamen die Leuchtstreifen, die er später hauptsächlich vertrieb. Mit dem Produkt "Guide U" gewann er mit seinem Team 2014 den Crystal Cabin Award. "Ich hab noch nie so gefeiert, wie in dieser Nacht", resümiert Stoll einen seiner damals größten Meilensteine.

Aus einem ungewöhnlichen Start in die Vertriebswelt wurde eine Führungsposition in einem der erfolgreichsten Produktbereiche bei Lufthansa Technik, Dazu übernahm er von 2011-2013 die operative Geschäftsführung von TBS Aviation, der neuen Produktionsauskopplung für die Leuchtstreifen.

+++slideshow+++

Gründung von Krüger Aviation

Und dennoch wagte er 2013 den Sprung zum Familienunternehmen Krüger. Vielleicht auch, weil sie genau das suchten, was Nils Stoll durch seinen Weg perfektioniert hatte: Den Neuanfang wagen und dabei auch mal ins kalte Wasser springen. Die Firmenerben schenkten ihm Vertrauen und ließen ihn, ab 2014 als Geschäftsführer des Bereichs Aviation, den Unternehmenswandel mit vollem Schub gen Luftfahrt federführend steuern.

Nils Stoll selbst sieht sich aber nicht als alleiniger Vater des Erfolgs der heutigen Krüger Aviation GmbH: "Der Markt hat uns gezeigt, dass er uns haben möchte. Aber vor allem brennt die Belegschaft für den Luftfahrtbereich und ist eine richtige Einheit geworden", freut sich der Chef. Aus dem ursprünglichen Dachboden des Barsbüttler Gebäudes ist in knapp 1000 freiwillig erbrachten Überstunden der Krüger-Mitarbeiter die Schaltzentrale für das neue Unternehmen entstanden. Teile des Gebäudes hat Nils Stoll gemeinsam mit seinen Mitarbeitern selbst ausgebaut, hat Küchen geschrubbt und abends den Grill für alle angeworfen. Hier entstand auch die Idee für die neue Farbe, die sich deutlich vom Knallrot des Mutterunternehmens abhebt. "Das Grün ist schnell zu einem Sinnbild für die Mitarbeiter geworden", bekräftigt Stoll. Auch ein neu gegründetes "Innovation Centre" im Unternehmen trägt zum frischen Schwung bei. Studenten, Auszubildende und Mitarbeiter arbeiten hier gemeinsam an innovativen Materialanwendungen. Zur neuesten Entwicklung des Unternehmens zählt ein Kabinenspiegel aus semitransparentem Kunststoff, auf dem sowohl Hinweise für den Passagier als auch Werbung eingeblendet werden kann. Der Spiegel steht auf der Shortlist für den Crystal Cabin Award 2017. Auch das Thema 3D-Druck geht Krüger Aviation an und liefert seit Januar 2017 unter anderem gedruckte Kabinenelemente an verschiedene Airlines.

Entscheidungen? Gerne auch mal ungewöhnlich

Aktuell zählt Krüger Aviation 35 Mitarbeiter und setzt jährlich fast zehn Millionen Euro um. In der Zusammensetzung der Teams setzt Stoll auf Vielfalt - und hätte auch hier schon die ein oder andere ungewöhnliche Entscheidung getroffen, erzählt er. Bei der Wahl des Produktionsleiters hat er sich bewusst für einen jungen Familienvater entschieden und schwimmt nun nebenbei mit ihm täglich um 5:45 Uhr Bahnen. Die Elternzeit einer Mitarbeiterin überbrückt er mit einem ehemals arbeitslosen Vertriebsprofi, der aber gerade durch seine Seniorität von 60 Jahren das Unternehmen perfekt ergänze, so Stoll. Ein weiterer Kollege ist Topathlet im Voltigieren. Nils Stoll, der ebenfalls aktiver Pferdesportler ist, hat ihn beim Training kennengelernt. Eine bunte Mischung also, "und scheinbar läuft's ganz gut", lacht der junge Geschäftsführer mit Blick auf seine Mitarbeiter in der Werkshalle - alle in hellgrünen Poloshirts. Ist doch Ehrensache. 

 

Text: Julia Grosser

Weitere Meldungen zum Thema