Metropolregion Hamburg

Michael Benthien: Geht nicht, gibt’s nicht!

Michael Benthien

Mockup-Bau bei Möbius

Der Geschäftsführer in der Werkstatt

Auf seine Auszubildenden hält Benthien große Stücke

Bei Möbius wird Milimeterarbeit gemacht

Mockup-Bau bei Möbius

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19.02.2016Standortpiloten

Hamburg Aviation Serie "Standortpiloten" - Folge 8: Michael Benthien, Geschäftsführer, Möbius Modell- und Formenbau

Unscheinbare Flachbauten in einem unscheinbaren Gewerbegebiet von Barsbüttel, Hamburgs unscheinbarem Vorort im Osten - man kennt ihn vor allem aus dem Verkehrsfunk und durch ein großes Möbelhaus. Hinter dem unscheinbaren ersten Blick verbirgt jedoch sich eines der spannendsten Unternehmen am Luftfahrtstandort Hamburg: Möbius Modell- und Formenbau. 

Michael Benthien ist Geschäftsführer des Betriebs mit dem ebenfalls auf dem ersten Blick unscheinbaren Namen. Aus seiner Tätigkeit könnte er jedoch genug Geschichten für einen Bestseller zusammentragen, doch Diskretion ist bei vielen Projekten von Möbius oberstes Gebot. Gerade in der Luftfahrt: "Wir produzieren hier viel Vorserienmodelle, die dann später auch in Serie fliegen sollen, deshalb dürfen wir nicht über alles erzählen", so der Chef zwinkernd.

Das Leistungsspektrum von Möbius ließe sich ganz gut mit "Geht nicht, gibt's nicht" zusammenfassen. Im Luftfahrtbereich bauen Möbius und sein Team von kompletten Mock-Ups und Prototypen bis hin zu filigranen Einzelteilen nahezu alles. Über die im gleichen Hause ansässige hundertprozentige Tochterfirma ABU Fertigungstechnik ist man zusätzlich im Bereich Maschinenbau und der Laser- und Messtechnik hoch spezialisiert. Kunden sind beispielsweise Lufthansa Technik, für deren Qualitätsmanagement mittels Laserscan Soll-Ist-Vergleiche von Bauteilen vorgenommen werden, sowie Airbus mit seinen Zulieferern, für die unter anderem Kabinenprototypen entstehen. Auch in anderen Branchen ist Möbius aktiv: ob Abfüllanlagen für den Kosmetikbereich oder täuschend echte Pralinen aus Kunstharz für die Fernsehwerbung - in der Barsbüttler Werkstatt hat man schon an so manchen ungewöhnlichen Aufgaben erfolgreich getüftelt. "Unser Luftfahrt-Anteil liegt in der Regel bei rund 50 Prozent", fasst Geschäftsführer Benthien sein Geschäft zusammen.

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Auch hinsichtlich der verwendeten Werkstoffe bietet der Mittelständler mit derzeit 28 Angestellten ein volles Programm: Ob Polyethylen, Polycarbonat, Schaum in unterschiedlichen Dichten, Harze, Acrylglas, Silikon, Metalle, CFK oder Holz - mit kaum einem Material hat man bei Möbius noch keine Erfahrung gemacht. "Wir sind quasi Universalkünstler", so Benthien. "Wenn bei uns mal ein Mitarbeiter geht, wird er woanders sofort mit Kusshand genommen! Dass einer geht, passiert aber ziemlich selten", ergänzt er verschmitzt.

Jungen Menschen eine solide Ausbildung mit Perspektive zu geben: für den Geschäftsführer eines der obersten Gebote seines Unternehmens. Kein Wunder, denn auch Benthien ist ein Möbius-Eigengewächs und wurde bereits als junger Steppke im ersten Bewerbungsgespräch vom damaligen Chef Gerhard Blunck gefragt, ob er sich vorstellen könne, eines Tages das Unternehmen selbst weiterzuführen. "Das war in den 70er Jahren zu einer Zeit, als Möbius vor allem im Gießereimodellbau für Werften aktiv war und in der Gertigstraße in Winterhude ansässig war, im fünften Stock eines alten Kontorhauses ohne Fahrstuhl, dafür mit Außenwinde zum Fleet, in dem es im Winter fürchterlich kalt war und hineinregnete", erinnert sich Benthien, der als angehender Lehrling mit vielen Gesprächsfragen gerechnet hatte, aber nicht mit dieser.

Michael Benthiens Weg: Vom Lehrling zum Geschäftsführer

1982 zog das 1919 gegründete Unternehmen vom alteingessenen Stammsitz in Winterhude an den jetzigen Standort in Barsbüttel, wo man neu gebaut hatte. Das zugige Kontorhaus ist heute ein sanierter Altbau mit Wohnungen in Top-Lage und für Hamburger Gießereien und Werften hat man bei Möbius schon länger nichts mehr gefertigt. Was jedoch blieb, ist das Wort des Seniors: Die zwei damaligen Lehrlinge Benthien und Wolfgang Uecker sind heute tatsächlich Geschäftsführerkollegen bei Möbius beziehungsweise der Tochterfirma ABU und sagen, Nachwuchssorgen hätten sie keine.

"Wir haben überhaupt kein Problem, Auszubildende zu bekommen", sagt Benthien mit stolzer Brust. "Aber wir tun auch viel dafür: Wir engagieren uns in Schulen und sponsern dort viele Projekte, so wie die Schüler-Formel-1 oder die Formula Student an drei Hamburger Hochschulen. Mehrfach sind wir von den Kammern für unsere Ausbildungsgänge ausgezeichnet worden. Man darf sich als Mittelständler nicht über fehlenden Nachwuchs beschweren, wenn man gleichzeitig nicht selbst das Haus verlässt und auf Jugendliche zugeht!"

"Es kommen immer wieder neue Herausforderungen, die wir spontan lösen müssen."

Oftmals würden gerade die Auszubildenden den eigenen "Tunnelblick" verändern und neue Ideen einbringen, meint der Geschäftsführer. "Wir hatten einen Fall, wo wir für das DLR ein Bauteil für Windkanaltests herstellen sollten, das sehr leicht, günstig und stabil sein sollte", erinnert er sich. "Weder Schaum noch CFK waren geeignet. Am Ende hat uns eine Gruppe Achtklässler die Lösung geliefert: Sie fahren in der Schüler-Formel-1 und bauen ihre Boliden aus Balsaholz. Das war perfekt!"

Kreative Eingebungen wie diese sind für das Unternehmen Möbius überlebenswichtig. "Wir haben hier ja keine eigenen Produkte", sagt Benthien. "Es kommen immer wieder neue Herausforderungen, die wir spontan lösen müssen. Oft mit gewaltigem Zeitdruck, gerade in der Luftfahrt." Ohne diese Anpassungsfähigkeit wäre das fast 100-jährige Unternehmen längst Geschichte. "Der Umgang mit 3D-Daten ist ein Beispiel dafür, was heute ein absolutes Muss ist", meint der Geschäftsführer. "Mit 3D-Messtechnik und Laserscannen steht und fällt inzwischen alles! Gleichzeitig beobachten wir sehr genau die Additiven Fertigungstechnologien. Allerdings gehen manche Lasertechnologien momentan noch weit über das Ziel hinaus, was man als kleines Unternehmen beim Auftragsvolumen auslasten kann. Hier ist Augenmaß gefragt."

"Wir können fast alles im Haus selbst machen."

Die Anstrengungen seien stets belohnt worden: "Wir können fast alles im Haus selbst machen. Die Treue und die Zuverlässigkeit unserer Kunden ist deshalb auch gigantisch", fasst Benthien zusammen. Auch er ist dem Unternehmen Möbius treugeblieben, auch wenn er zwischenzeitlich mal weg war. Zur Rückkehr überzeugte ihn damals - wie sollte es auch anders sein - der Senior Gerhard Blunck. "Eigentlich wollte ich mir nur ein Arbeitszeugnis ausstellen lassen", erinnert sich der heutige Chef. "Da kuckte mich der 'Alte' nur an und meine liebevoll: 'Kommt gar nicht infrage, du kommst hierhin zurück!'"

Text: Lukas Kirchner

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