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Jutta Abulawi: "Wer lernen will, der kann!"

Prof. Dr.-Ing. Jutta Abulawi

Jutta Abulawi in einem Ihrer Seminare.

Raus aus dem Hörsaal. Regelmäßig macht Jutta Abulawi Exkursionen mit ihren Studenten, wie hier ins Space Lab nach Bremen.

Standortpilotin: Jutta Abulawi

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08.12.2016Standortpiloten

Hamburg Aviation Serie "Standortpiloten" - Folge 9: Prof. Dr.-Ing. Jutta Abulawi, Professorin für Systems Engineering und CAD im Department Fahrzeugtechnik und Flugzeugbau der HAW Hamburg / Prodekanin der Fakultät Technik und Informatik

Wenn Jutta Abulawi an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften  (HAW Hamburg) aus ihrem Bürofenster im  11. Stock schaut, sieht sie direkt in die Wohnküche eines Studentenwohnheims: Kühlschrank, Mikrowelle, Mehrzweckrolle - "und manchmal  wird da auch wirklich gekocht", bestätigt sie. An der Hauswand vorbei fällt der Blick auf Abulawis Fachgebiet: "Da hinten ist der Airport - ich habe hier einen perfekten Blick auf alle Flugbewegungen".  Der Weg in die Luftfahrt hat für die Professorin des HAW-Departments Fahrzeugtechnik und Flugzeugbau genau hier am Berliner Tor ihren Anfang genommen: Als Studentin im Fach Maschinenbau. In den 80er Jahren hieß das noch: 100 Studierende, davon eine Frau - Jutta Abulawi. Die Alleinstellung hätte sie nie gestört, betont sie. Nur hätte es eben nie die Chance gegeben, sich in der Masse zu verstecken, beispielsweise bei komplett ausgebuchten Seminaren, an denen sie gerne teilgenommen hätte.

Von Chinesisch zu Maschinenbau

Das technische Interesse mag Jutta Abulawi schon früh begleitet haben. Schon als kleines Mädchen verweigerte sie den Gang in den Kindergarten, wenn man sie dort am Vortag nur mit der Puppenstube und nicht mit Fischer Technik spielen ließ. Ihre innere Berufung sah sie dennoch zunächst ganz woanders: Chinesisch sollte es werden, damals noch ein wahrhaft exotischer Studienwunsch. Maschinenbau, das Studium, zu dem ihre Eltern sie am Ende dann doch überzeugen konnten, begegnete sie mit einer entsprechend entspannten Grundhaltung: "Das Studium war für mich eher ein Spiel, in dem ich mich probieren wollte. Ich war nicht gestresst, weil ich ja eigentlich durchfallen wollte, um Chinesisch studieren zu können. Und ich war wahrhaft kein Genie - aber ich habe verstanden, wie das Spiel funktioniert und bin kein einziges Mal durchgefallen - und das mit Mathe-Grundkurs in der Schule", lacht die Professorin für Systems Engineering und CAD, die mittlerweile auch als Prodekanin der Fakultät Technik und Informatik fungiert.

Die HAW aus allen Perspektiven

Der Wunsch nach beruflicher Veränderung führte sie vor 15 Jahren von Airbus und dem Sondermaschinenhersteller Aristo zurück an ihre Alma Mater. Zunächst als wissenschaftliche Angestellte im CAD-Labor beschäftigt, "einem Job, wo man keine Berührungsängste vor einer Mutter mit kleinen Kindern hatte", wie Abulawi einschiebt, wurden ihre Kollegen schnell darauf aufmerksam, wie gut die Chemie zwischen ihr und den Studierenden stimmte. Nach und nach wurde sie in den Lehrbetrieb eingeführt und konnte eigene Veranstaltungen durchführen. Eine anschließende Förderprofessur ermöglichte ihr die Promotion mit Mitte 40. Abulawi kennt die HAW daher aus allen Perspektiven: Aus der Sicht einer Studentin, einer technischen Angestellten, der Professorin und einer Person in der erweiterten Hochschulleitung. Dass sie zunächst in der Industrie tätig war, teilt sie mit beinahe allen Fachhochschulprofessoren. Dass sie heute unterrichtet, was sie früher selbst angewendet hat, sei nur von Vorteil, sagt Abulawi: "Ich habe von morgens bis abends konstruiert und entwickelt und deswegen unterrichte ich das am liebsten. Ich habe das Fach verstanden, verstanden, worauf es ankommt. Und das ist es, was ich meinen Studierenden vermitteln möchte".

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Airbus, der Kooperationspartner im Hörsaal

Seit 2011 kooperiert sie erfolgreich mit Airbus im Bereich Cabin & Cargo und kann so jedes Semester einige reale Konstruktionsaufgaben anbieten, die die Studierenden unter ihrer Betreuung und mit Unterstützung eines Airbus-Paten bearbeiten. Auch die Projektpräsentationen der Studierenden finden bei Airbus statt - ein besonders aufregendes Erlebnis für die Teams, wie Abulawi betont. Für die Präsentation müssen die Studierenden drei kreative Konzepte für ihre gewählte Konstruktionsaufgabe erstellen und diese anschließend umsetzen. Aus der Frage "Wie kann der Hund in der Kabine mitfliegen?" entwickelten ihre Studierenden beispielsweise ein Konzept für eine Integration der Hundetransportbox in zwei zusammengefügte Catering-Trolleys. Der Hund kann so an Bord mitfliegen und nimmt dabei keinen Platz im Passagierraum weg. Einige der Ideen der Studierenden sind mittlerweile zum Patent angemeldet.

Lernen heißt Begreifen

Lernen heißt für Jutta Abulawi vor allem Ausprobieren und Begreifen: Wenn sie in der Vergangenheit junge Mädchen beim Girls Day für technische Studiengänge begeistern wollte, hat sie mit ihnen Haushaltsgeräte auseinandergeschraubt. Und mit ihren Studierenden fährt sie regelmäßig auf Exkursionen, zuletzt in die USA, um Unternehmen vor Ort zu besichtigen - und gemeinsam über die Golden Gate Bridge zu radeln. Es sei ihr wichtig, so Abulawi, dass ihre Vorlesungen Lehrveranstaltungen, keine Beurteilungsveranstaltungen seien - und wer lernen will, der kann.

Warum sich immer noch so wenig junge Frauen für ein technisches Studium entscheiden, erklärt Jutta Abulawi mit dem "Henne-Ei-Problem": "Wenn es keine Role Models gibt, dann ist es schwierig, herauszufinden, ob das etwas wäre, was mir als Mädchen eine gute Zukunft bietet. Wenn es im direkten Umfeld niemanden gibt, der mit Technik glücklich ist, dann muss es schon ein großer Zufall sein, dass ich dieses Gebiet für mich entdecke. Berufliche Interessen werden oft dadurch ausgelöst, dass man mit etwas in Kontakt kommt und bei Jungen ist das von Anfang an anders gelagert, weil sie technisches Spielzeug bekommen, werkeln und basteln."  Dass durchschnittlich viele Frauen in den Bereich Luftfahrt einsteigen (immerhin zwischen 12 und 14 Prozent), schließt Frau Abulawi aus den Angeboten, die die Branche speziell für junge Frauen anbietet: Faszination Fliegen, das Sommercamp Fliegen und die Herbsthochschule der HAW. Selbst wenn die Teilnehmerinnen danach nicht überzeugt sind, tragen sie ihre Eindrücke weiter. Damit sei oft schon ein Grundstein gelegt.

"Mach besser auch noch was anderes."

Sie selbst sei eine "typische Ingenieurstochter" und konnte das Interesse gemeinsam mit ihrem Mann, einem Airbus-Ingenieur, entsprechend an ihre Kinder weiterreichen: Ihr Sohn befindet sich im dritten Lehrjahr zur Ausbildung des Fluggerätemechanikers bei Airbus, ihre Tochter ist hier Ingenieurin. "Wir sind ne langweilige Familie", betont Abulawi schmunzelnd und versichert, Familie Abulawi plane in naher Zukunft kein Konkurrenzunternehmen zum Riesen auf Finkenwerder. Geht es tatsächlich mal nicht um Flugzeuge, genießt Jutta Abulawi die Arbeit in ihrem Garten oder mit ihrem Pferd, das sie seit 13 Jahren besitzt. Den Reitsport verfolgte sie bereits in ihrem Studienjahr in Cambridge, von dem sie noch heute schwärmt. Ihr Tutor begegnete ihr bei ihrer Ankunft mit den Worten: "Du bist also Ingenieurin. Die können ganz schön engstirnig sein. Mach besser auch noch was anderes". Gesagt, getan und so erfüllte sich Jutta Abulawi neben Rudern, Reiten und Chorgesang endlich ihren Traum des Sprachenstudiums - und lernte Arabisch. "Eine wunderbare Sprache, in der es zum Beispiel die Wortwendung  "Ich habe keine Zeit", schlichtweg nicht gibt." Als nächstes wolle sie als Madeira-Fan Portugiesisch lernen, wenn es denn die Zeit zulässt. Lebenslanges Lernen und Begreifen - ein Credo, dem sich Jutta Abulawi nicht nur als Professorin ganz und gar widmet.

Text: Julia Grosser

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