Metropolregion Hamburg

Harald Gloy von Lufthansa Technik: 4.000 Flugzeuge immer im Blick

Harald Gloy, Vice President Aircraft Component Services bei Lufthansa Technik - Copyright: Lufthansa Technik/Gregor Schläger

Komponentenversorgung bei Lufthansatechnik - Copyright: Lufthansa Technik/Gregor Schläger

Wartung eines Airbus A380 - Copyright: Lufthansa Technik/Gregor Schläger

Bootstrap Slider
24.03.2017Standortpiloten

Hamburg Aviation Serie "Standortpiloten" - Folge 12: Harald Gloy, Vice President Aircraft Component Services bei Lufthansa Technik

Sein Jobtitel würde auch einem Klausurtext im Englisch-Leistungskurs gut zu Gesicht stehen: Harald Gloy ist Vice President Aircraft Component Services bei Lufthansa Technik. Was verbirgt sich hinter dieser sperrigen Bezeichnung? "Ich sorge zusammen mit ganz vielen Mitarbeitern an ganz vielen Standorten dafür, dass etwa 4.000 Flugzeuge weltweit immer dann die richtigen Ersatzteile zur Verfügung haben, wenn sie benötigt werden", beschreibt der 44-jährige sein spannendes Aufgabenfeld am Puls der Luftfahrt.

Um die 4.000 Flugzeuge "fit" zu halten, überblickt Gloy ein ausgefeiltes logistisches System, das sich von Hamburg einmal um den Globus spannt und ihn auch regelmäßig selbst um die ganze Welt führt. Kommt der Wirtschaftsingenieur morgens in sein Büro auf der Lufthansa-Basis, warten schon die Kollegen aus Asien in der Leitung, wo bereits der Nachmittag angebrochen ist. Nach dem Mittagessen hingegen spricht Gloy mit seinen Mitarbeitern in Amerika, die mit dem Kaffeebecher in der Hand grad in den neuen Tag starten. Und auch in Hamburg sowie bei den Kollegen in Frankfurt reißen die Themen nie ab.

Neue Herausforderungen am Standort

Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Flugzeuge mit dem Kranich auf dem Heck: Gut drei Viertel der Flugzeuge, die von Lufthansa Technik betreut werden, gehören nicht zum Lufthansa-Konzern. Ein Low-Cost-Carrier stellt dabei völlig andere Ansprüche an MRO-Dienstleistungen - so der offizielle Fachbegriff, der für "Maintenance, Repair and Overhaul", also Wartung, Reparatur und Überholung steht - als eine nationale Traditionsairline: "Ein Low-Cost-Carrier ist oft als Unternehmen viel schlanker aufgestellt und hat somit einen viel höheren und umfangreicheren Service-Bedarf", weiß Gloy. "Um alle Kundengruppen gleich gut bedienen zu können, müssen wir daher ein deutlich breiteres Angebot bieten als früher."

Neben den sich wandelnden Ansprüchen der Kunden ist auch der Markt selbst im Umbruch: "Der Betreuungsaufwand pro Flugzeug wird mit jeder Generation geringer, weil die Modelle immer zuverlässiger werden", berichtet Gloy. Gleichzeitig steigen die technischen Ansprüche: Neue Flugzeugmodelle erfordern neue Überholungsverfahren, die wiederum neue Werkzeuge oder veränderte Ausbildungsmethoden bedingen. Beispiele seien die neue Generation von Langstreckenflugzeugen wie Boeing 787 oder Airbus A350, die überwiegend aus Kohlefasern gefertigt sind und nicht länger aus Metall, oder das Triebwerk der A320neo-Familie, bei dem erstmals ein Turbofan mit Getriebe als Antrieb zum Einsatz kommt. Gloy rechnet daher damit, dass manch heutiger Mitbewerber diese Hürden auf Dauer nicht mehr bewältigen und langfristig verschwinden wird.

Auch bei Lufthansa Technik in Hamburg lässt sich heute schon beobachten, welche Auswirkungen die geänderten "Spielregeln" haben: Erst im Dezember 2016 wurde beschlossen, die letzte in der Hansestadt verbliebene Flugzeugüberholungslinie für kommerziell genutzte Flugzeuge zu schließen und die 400 betroffenen Mitarbeiter auf andere Abteilungen zu verteilen. Trotz ausbleibender Kündigungen schlug die Nachricht am Luftfahrtstandort ein wie eine Bombe - war es doch jenes Überholungsgeschäft, welches die Lufthansa Technik stark mit geprägt hat. .

Leidenschaft für die Branche

Harald Gloy war selbst vier Jahre lang Produktionsleiter für die Flugzeugüberholung bei Lufthansa Technik in Hamburg und kennt viele der betroffenen Mitarbeiter persönlich, die nun innerhalb des Unternehmens andere Aufgaben übernehmen müssen. Trotzdem verteidigt er die Entscheidung und meint, ein Unternehmen müsse auch unschöne Entscheidungen treffen können, um am Markt zu bestehen. "Mein großer Appell ist, uns immer weiter zu fordern und darauf zu achten, dass wir unsere Schnelligkeit und unsere Anpassungsfähigkeit nicht verlieren! Das gilt sowohl für uns als auch für alle anderen Akteure am Standort Hamburg, seien es Unternehmen oder Hochschulen", mahnt Gloy, der Lufthansa Technik auch im Vorstand von Hamburg Aviation vertritt. Er ergänzt: "Da sind viele andere heute schneller - auch wenn Hamburg international noch als ganz hoher Kompetenzstandort gesehen wird, dessen Beschäftigte eine sehr  hohe Qualität, aber auch eine hohe Leidenschaft für die Branche liefern."

Trotz des Strukturwandels stehe Lufthansa Technik heute wirtschaftlich so gut dar wie nie zuvor, betont Gloy. Zudem werde auch viel Neues aufgebaut, etwa ein Bereich für Anwendungen und Produkte, die die Digitalisierung erst möglich macht. "Früher hatten die Piloten bei jedem Flugzeugtyp Richtwerte für Aerodynamik und Trimmung. Heute können wir daneben viel tiefer gehen und durch das Auslesen und Auswerten von Sensoren für jedes Flugzeug sehr individuell und detailliert die Einstellung für den niedrigsten Kerosinverbrauch bestimmen".

Für den Konzern spiele der Standort Hamburg weiterhin eine sehr wichtige Rolle: "Wir betreiben hier Produktion und  Innovation mit allem was dafür notwendig ist! Darunter fallen Forschungsaktivitäten im neuen ZAL auf Finkenwerder genauso wie die ingenieursmäßige und handwerkliche Entwicklung neuer Reparaturverfahren. Neue Erkenntnisse sollen immer unmittelbar in Produkten für die Kunden münden." Dabei setzt auch Lufthansa Technik auf Kooperation, weshalb Lufthansa Technik auch Gesellschafter der ZAL GmbH geworden ist.

+++slideshow+++

Karrierestart im "Maschinenraum"

Welche unterschiedlichen Bedürfnisse die Airline-Kunden haben können, hat Gloy in seinen vielen Stationen bei Lufthansa Technik gut kennengelernt. Während er heute viele strategische Entscheidungen trifft, begann seine Karriere vor über zehn Jahren quasi im "Maschinenraum" des Unternehmens, am so genannten AOG Desk - an dem Telefon, das immer dann Sturm klingelte, wenn irgendwo auf der Welt ein von Lufthansa Technik betreutes Flugzeug aufgrund eines technischen Problems am Boden bleiben musste. Dann musste es schnell gehen, denn diese als "Aircraft On Ground" bezeichnete Situation ist nicht nur für Passagiere unangenehm: jede Minute Verzögerung kostet die Airline Geld. Viel Geld! "In dieser Zeit habe ich gelernt, wie entscheidend gute Teamarbeit für den Erfolg ist, egal wie gut die dahinter stehende Logistikkette ist", meint Gloy.

Logistik ist Gloys Schwerpunktbereich, den er quasi "von der Pike auf" gelernt hat: Fast wäre er nicht bei der Lufthansa Technik gelandet, sondern im Hamburger Hafen - seine Diplomarbeit an der TU Berlin schrieb der gebürtige Pinneberger  bei der HHLA. Doch auch mit Logistik in der Luftfahrt ist er seit Langem eng vertraut: Bereits als Schülerpraktikant sammelte er Erfahrungen am Hamburger Flughafen. Dort fertigte er Flugzeuge der Lufthansa ab, unter anderem den Airbus A310, der damals von Fuhlsbüttel mit Stopp in Düsseldorf nach New York flog und aufgrund der vielen Erinnerungen bis heute ein besonderer Flugzeugtyp für Gloy geblieben ist.

Fünf bis sechs Mal im Monat ist der Ingenieur heutzutage in der Luft um seine Mitarbeiter in aller Welt zu treffen. Da liegt es nahe, dass er privat auch mal auf andere Verkehrsmittel umsteigt, etwa beim Familienurlaub. "Ein Stück lieb gewonnen habe ich die Insel Bornholm", verrät Gloy und begründet, logistisch ganz durchdacht: "Da setzt man "nur" mit der Fähre über und ist gefühlt ganz weit weg vom Trubel! Aber ohne dafür lang zu reisen und ohne Zeitverschiebung und Jet Lag."

Text: Lukas Kirchner

Weitere Meldungen zum Thema