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Interview mit Prof. Dr. Monika Bessenrodt-Weberpals

Diskussion

Prof. Dr. Monika Bessenrodt-Weberpals ist Vizepräsidentin der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW Hamburg) und vertritt im Vorstand von Hamburg Aviation den Bereich Qualifizierung und Fachkräftesicherung, also das Lebenslange Lernen.

Was möchten Sie als Vorstandsmitglied von Hamburg Aviation gern auf den Weg bringen?

Grundsätzlich wollen wir unter dem Dach von Hamburg Aviation möglichst die Synergie von vernetzter innovativer  Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure nutzen und aus 1 + 1 = 11 gewinnen. Gerade für den Bereich des lebenslangen Lernens bieten sich hier viele Win-Win-Möglichkeiten für hochwertigen Wissenstranfer.

Das fängt schon bei Aktivitäten für SchülerInnen an: In der Vorlesungsreihe "Faszination Fliegen" an der HAW Hamburg beteiligen sich die kleine, mittlere wie große Unternehmen aus der Luftfahrtbranche mit einem umfangreichen Mitmachprogramm. Beim "SommerCamp Fliegen"  experimentieren  Jugendliche in den Hamburger Sommerferien an drei Tagen in der HAW Hamburg und besuchen an zwei weiteren Tagen die  Partner-Unternehmen. Eine herausragende Rolle spielt in meinem Geschäftsbereich das Hamburg Centre of Aviation Training, das HCAT, in dem die Gewerbeschule für Fertigungs- und Flugzeugtechnik G15, die HAW Hamburg und Unternehmen wie Airbus Lufthansa Technical Training zusammen mit der  Behörde für Schule und Berufsbildung, der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation sowie der Behörde für Wissenschaft und Forschung  das akademische wie berufliche Lernen weiter entwickeln. Hier steckt viel Potenzial! Und natürlich lohnt es sich immer, hochschulübergreifend spezifische Weiterbildungsbedarfe aufzugreifen, auch in Hinblick darauf  gemeinsam weiterbildende Masterstudiengänge anzubieten.

 

Sie sprechen statt von Qualifizierung von lebenslangem Lernen. Steht dahinter eine neue Kultur?

Ja, wir sehen zunehmend, wie schnell Wissen veraltet. Es reicht also nicht, einmalig  Fachwissen in Schule, Ausbildung oder Studium aufzusammeln. Sinnvollerweise müssen wir uns Lernstrategien aneignen, die uns immer wieder dabei helfen,  neue Felder in der Luftfahrtbranche zu erschließen - eben lebenslang zu lernen. Dazu gehört auch ein Werkzeugkasten mit Methodenwisssen und ethischem Wissen.

 

Der berühmte Blick über den Tellerrand?

In der Tag, in der Luftfahrtbranche sind viele interdisziplinäre Themen über Fachgrenzen hinweg anzupacken. Gefragt sind kreative Köpfe, die Aufgaben nicht nach Schema F angehen, sondern sich neuen Herausforderungen stellen. Persönlichkeiten, die ökologische Flugzeuge der Zukunft entwickeln wollen und die gesamte Prozesskette systemisch anschauen, vom Ort des Einsteigens bis  zum Ort des Ankommens. Und dafür kreative Lösungen austüfteln, sei es für große Unternehmen oder als selbständiges Ingenieurbüro.

 

Sie haben den Praxistag bei der Vorlesungsreihe "Technik für Kinder. Faszination Fliegen" eingeführt. Wie wichtig ist das frühe selbstständige Experimentieren?

Sehr wichtig! Kinder und Jugendliche tauchen so viel tiefer ein, sie können die Themen der Luftfahrt selbst im Windkanal erfühlen oder mit CAD gestalten. Die Faszination des Fliegens wird so für sie greifbarer. Sicherlich werden nicht alle in diesem Bereich später arbeiten, aber sie werden für die Luftfahrtthemen interessiert bleiben. Und wir brauchen schließlich nicht nur Leute, die ein Flugzeug bauen können, sondern auch solche, die kompetente Personalentwicklung vorantreiben oder Unternehmen in der Luftfahrtmetropole Hamburg  gründen. Diese Faszination wie einen Samen eingepflanzt zu haben, finde ich sehr wichtig.

 

Welchen Stellenwert hat überhaupt das Thema Qualifizierung in einem Cluster?

Oft steht das Lehren und Lernen, die Qualifizierung, im Schatten der Forschung. Doch Forschung,  Wissenschaft, wird von Menschen gemacht. Wir brauchen also notwendigerweise  gut ausgebildete und innovative Leute, und zwar zunehmend mehr. Also müssen wir das Qualifizierungsthema auch für den Luftfahrtbereich weiter entwickeln und neue Zielgruppen in den Blick nehmen. Da gibt es sehr innovative Projekte wie etwa Pro Technicale mit einem Orientierungsjahr für technisch interessierte Abiturientinnen. An vielen Stellen betreten wir Neuland und probieren Dinge aus, wohlwissend dass immer auch mal etwas schief gehen kann.

 

Aus Fehlern lernt man ja bekanntlich.

Genau! Das ist die grundsätzliche Haltung des Lernens. Lernen bedeutet immer Reflektieren, also Nachdenken, wo hat man Fehler gemacht und warum? Und wie kann man sie beim nächsten Mal vermeiden? Und wenn die Fehler im System stecken, muss man sich fragen, was man am System ändern muss. Beispielsweise wollen wir ja auch nicht grundsätzlich nur die Frauen fitter für ein  männlich-dominiertes Unternehmen machen, sondern umgekehrt dieses System auch mehr in Richtung positiver Vielfalt, Diversity, ändern, sodass zum Beispiel mehr Männer in Elternzeit gehen können.

 

War das ein Grund für die Initiierung der Facharbeitsgruppe Hamburg Aviation WoMen?

Nicht nur! Schließlich bringt Diversity den Unternehmen erwiesenermaßen ökonomischen Nutzen, zusätzlich ist mir persönlich Chancengerechtigkeit ein wichtiges Anliegen. Und deshalb habe ich meinen ehrenamtlichen Einsatz für Hamburg Aviation auch darauf bezogen.

 

Wie wollen Sie Chancengleichheit herstellen?

Wir müssen uns gemeinsam zunächst bewusst werden, dass es Ungerechtigkeiten gibt, um dann - im Sinne einer Ursachenforschung -  zu überlegen, wie wir diesen Zustand mildern oder eine langfristige Änderung herbeiführen. Das Letztere geht häufig nicht so schnell. Ein Kulturwandel braucht eben Zeit.

 

Von welchen Ungerechtigkeiten haben Sie denn zum Beispiel bei der Auftaktveranstaltung von Hamburg Aviation WoMen gehört?

Verschiedenes: Berichte über mangelnde Sichtbarkeit oder fehlende Aufstiegschancen, die Kultur der langen Arbeitszeiten, die nicht unbedingt etwas mit Kreativität zu tun hat, und die Schwierigkeit, Kinder und Karriere miteinander zu verbinden. Dass Frauen bei gleicher Arbeit deutlich weniger Geld bekommen als Männer, und dass sie bei gleicher Qualifikation in der Hierarchie deutlich niedriger angesiedelt sind.

 

Sie haben gemeinsam dem Facharbeitskreis das Motto "Wir geben der Vielfalt Schub!" gegeben. Was verbirgt sich hinter dem Begriff Vielfalt?

Die Wertschätzung von Verschiedenheit, konkret zum Beispiel von altersgemischten Teams aus Frauen und Männern unterschiedlicher Herkunft. Diese Wertschätzung wollen wir mit Frauen und Männern bei Hamburg Aviation WoMen stärken. Und ihr Schub geben, so wie auch das Flugzeug Schub braucht, um gegen die Schwerkraft und den Luftwiderstand abzuheben.

 

Und wie bekommt die Vielfalt Schub?

Mentoring und Networking sind wichtige Schubkräfte. Sie können gerade jungen Frauen verhelfen zu mehr Sichtbarkeit, Selbstvertrauen, auch Selbstmarketing. Das sind Themen, die bei den Frauen ein bisschen mehr Scheinwerferlicht benötigen. Und auch Vorbilder spielen eine wichtige Rolle.

Deswegen werden wir auch versuchen, ein eigenes Hamburg Aviation Mentoring hinzubekommen und das Netzwerken zu institutionalisieren. Und für 2015 eine Wanderausstellung über die "Töchter des Himmels" nach Hamburg in die Rathausdiele zu holen.